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Zeitzeugenberichte

Kindheitserinnerungen einer ausgewanderten Lichterfelderin

Einsegnung 1948

Am 28. Februar 1934 wurde im Rittberg-Krankenhaus ein schreiendes Ungeheuer zur Welt gebracht und meine Mutti sagte immer, ich hätte seitdem nie gelernt meinen Mund zu halten. Das hatte Vorteile und Nachteile; aber ich lernte schnell von den Resultaten der Nachteile, denn niemand mag einen Schlaumeier.

Wir wohnten in der Wilhelmstraße, Ecke Frauenstraße in Lichterfelde Ost. Ich bedanke mich, dass ich mit Ihnen meine Erinnerungen teilen darf, denn Sie sind ja fast alle von Lichterfelde Süd, aber der Ein oder Andere wird schon genau wissen wovon ich rede, außerdem war es überhaupt nicht weit von unserem Haus und Mutti hatte viele Freundinnen in Lichterfelde Süd.

Ich hatte dort auch eine, sie hieß Ursula Schulz und wohnte auf dem Berg. Wir lernten uns durch die Schule kennen. Oft war ich bei ihr zu Besuch und ihre Mutter konnte wunderbaren Blechkuchen backen – sogar noch zu der schlechten Zeit! Hefeteig will gekonnt sein, ich habe es nie gelernt.

Als Kind hatte ich mich kaum mit dem Gedanken an unsere Orte beschäftigt. Es war eben Lichterfelde, Osdorf, Giesensdorf (Ghiselbrechtstorp) und Seehof. Aber Lichterfelde unterteilt sich heute in die Ortslagen Lichterfelde Süd, Ost und West, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um das alte Dorf und das Rittergut Lichterfelde entstanden.

Meine Familie war nicht sehr groß, mein Vater kam vom ersten Weltkrieg mit einer Gasvergiftung zurück und starb daran im Jahr 1936. Ich kannte ihn nur als den Mann mit der gelben Hautfarbe, welcher immer, entweder im Bett oder im Garten auf dem Liegestuhl lag. Mein Bruder Wolfgang war sieben Jahre älter als ich und lernte meinen Vater gut kennen, wir sprachen oft von diesen Jahren in seinem Leben.

Mutti’s Bruder Willi Ptaschnik war mit Hertha, der Tochter von Petermann’s verheiratet, welchen an der Ecke Berliner Straße und Bismarck Straße das Gasthaus “Bismarck Eck” gehörte. Gisela, die Tochter von Willi und Hertha wurde 1943 geboren.

Mein Großvater war Aufseher bei den Rieselfeldern (Osdorf) und somit wohnten meine Großeltern in Osdorf und hatten in der Nähe vom kleinen Wäldchen ein Gehöft; dort verbrachte ich die schönste Zeit meines Lebens. Ich durfte schon als 4-jährige beim Füttern der Haustiere helfen und bis auf die beißenden Gänse, die es morgendlich auf meine Beine abgesehen hatten, kam ich mit allen Tieren gut aus.

Da Mutti zur Arbeit gehen musste, verbrachte ich oft die ganze Woche in Osdorf; kein großes Dorf, aber es gab immer viel zu tun.

Wie stolz ich war, wenn ich Opa sein warmes Mittagessen zur Arbeit bringen durfte. Auf dem Rückweg machte ich einen kurzen Abstecher auf das große Gut, dort gab es Pferde, Rinder und Schafe. Außerdem gab es bei meiner Oma im Gemüsegarten immer viel Arbeit und es machte mir Spaß zu helfen. Am Sonnabend nach dem Frühstück, packten meine Großeltern mich in einen kleinen Handwagen und los ging´s nach Lichterfelde Ost zum Markt; wir gingen immer über die schaukelnde Brücke im Wäldchen, wo Opa mir immer Angst machte, er meinte, dass sie beim Überqueren mal kaputt gehen könnte!

Bald waren wir am Karpfenteich, gingen die Heinersdorfer Straße entlang, an der Petruskirche vorbei zum Oberhofer Weg und hin zum Kranoldplatz, wo damals am Sonnabend Markt war. Mutti stand schon ungeduldig an der Ecke und winkte uns zu.

Es war jedes Mal wie Weihnachten und ich träume heute noch davon.

Anschließend ging es dann zur Wilhelmstraße, wo Mutti schon den Tisch gedeckt hatte. All die Schätze vom Markt wurden ausgepackt und genossen. Wir verplauderten manche Stunde und im Anschluss gab es noch Kaffee und Kuchen.

Meist, als große Überraschung, zauberte dann Opa aus seinem Jackenärmel einen Honiglutscher, den er mir heimlich vom Honigstand auf dem Markt mitgebracht hatte.

Nach so einem langen Tag wurde ich langsam schläfrig, die Erwachsenen sprachen von Krieg und wie man sich auf schwere Zeiten vorbereiten musste. Ohne viel davon zu verstehen, dachte ich lieber an meine Zukunft in Osdorf, die endlosen Felder, roten Klatschmohn und selige Ruhe.

Die erste riesige Erschütterung meines Lebens offenbarte sich, als ich erfuhr, dass sich mein Großvater zur Ruhe setzen wollte und das Gehöft, das behagliche große Haus und all meine geliebten Tiere nun einen anderen Besitzer bekommen würden.

Sie suchten lange nach einer Wohnung und wären bald auf “den Berg” gezogen, aber Opa wollte einen Garten mieten und das war praktischer in Seehof. Sie fanden eine schöne Wohnung in einem großen Haus in Seehof. Ich kann mich nicht mehr an die Adresse erinnern, aber es war die zweite Haltestelle nach “Auf dem Berg” und hieß “Meurer”, das war ein Bierlokal und ich glaube auch Restaurant. Mutti erzählte mir, dass sie dort immer mit meinem Papa tanzen gegangen ist.

Von der Haltestelle mussten wir noch ein Stück durch einen Hochwald laufen und im direkten Anschluss zu der Schonung lag dann eine Straße mit vielen schönen Häusern.

Gleich als erstes sah man das stattliche Haus, wo meine Großeltern nun ihren Lebensabend verbringen wollten. Es gab dort einen riesigen Garten und einen hübschen Pavillon, worin Oma mir schon ein Spielzimmer eingerichtet hatte; es hätte nicht schöner sein können, aber es war nicht mein geliebtes Osdorf! Ich durfte mir ja nichts anmerken lassen, aber ich habe mich da nie richtig wohlgefühlt, trotzdem ich viele Tage und Nächte dort verbringen musste.

In der Zwischenzeit war es 1939 und ich musste eingeschult werden. Meine vorgeschriebene Schule war die Kastanienschule in Lichterfelde Ost, wo mein Bruder schon mehrere Jahre Schüler war. Da ich immer das einzige Mädel in unserer Nachbarschaft war, hatte ich nie Freundinnen gehabt und musste nun hoffen, dass ich jemanden in der Schule kennenlernen würde, mit welcher ich Freundin werden könnte. Das klappte auch gut, in der Bismarckstraße wohnte ein nettes Mädchen, Hannelore, mit der ich mich anfreundete und wir trafen uns dann an der Bahnunterführung und gingen gemeinsam zur Schule.

Erster Schultag 1939

Dann kam der 1. September 1939, kurz nach der Einschulung; England und Frankreich hatten Deutschland den Krieg erklärt.

Man hatte uns so gut wie möglich klar machen wollen, was eventuell passieren könnte. Als erstes hatten wir Luftalarmübungen, wir mussten von den Fenstern weg und unter die Schulbänke. Das war natürlich keine Lösung und man baute dann gleich den Keller um, wo wir dann beim ersten Voralarm schnellstens in geordnetem Gänsemarsch in den nun umbenannten “Luftschutzkeller” gingen. Zu Anfang machte das fast Spaß, aber hin und wieder kam dann doch mal ein kräftiger Angriff – aber das war meistens in der Nacht – und wir begriffen schnell, dass uns jemand nicht mochte und Alles doch wirklich ernst war. Die Erwachsenen wiesen unsere ängstlichen Fragen meist ab und die Lehrer haben auch nicht viel geholfen.

Bis Mitte 1940 ging es noch ganz gut, aber dann mussten Väter und andere Männer aus unseren Familien in den Krieg. Oma und Opa Petermann’s einziger Sohn, mein Patenonkel Erich, Panzerspezialist, wurde gleich am Anfang beim Einmarsch nach Frankreich tödlich verwundet. Er war jung verheiratet und seine Frau erwartete ihr erstes Kind; Familien lernen am Grab Abschied zu nehmen, man musste ihn aber gleich in Frankreich begraben. Er war das erste Opfer des zweiten Weltkrieges in unserer Familie. Seine Tochter Renate ist später nach Kanada ausgewandert. Leider wurden auch viele unser besten Lehrer eingezogen.

Am schlimmsten war die überall herrschende Heimlichkeit; die Leute auf der Straße begrüßten sich fast ängstlich und sprachen im Flüsterton. Meine Mutti hatte wohl Angst um meine große Gusche und warnte mich immer wieder, nicht mit Fremden oder Soldaten in grauen Uniformen zu reden und nicht naseweis zu sein, keinem zu trauen und ihr alles zu erzählen, was in meinem Tag geschehen war. Wir lebten auf einmal in einer anderen, sehr fremden Welt.

Eine Freude stand uns bevor, die folgende Woche sollte es einen amerikanischen Spielfilm “Schneewittchen” im Lichterfelde Palast-Lichtspielhaus geben; alle in meiner Klasse freuten sich darauf. Hannelore, Ursula und Irene (eine neue Freundin) und ich wollten am Sonnabend Nachmittag zusammen ins Kino gehen.

In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend war Alarm, wir hatten es kaum in den Bunker geschafft und ich konnte direkt über uns die “Weihnachtsbäume” am Himmel sehen: Rote, grüne und blaue (das waren die Leuchtzeichen, welche den Bombern anzeigten, welche Art von Bomben und auch wo abzuwerfen waren). Es sah nicht gut für uns aus und die Detonationen ließen das ganze Haus erschüttern. Wir mussten unsere Gasmasken und Stahlhelme aufsetzen.

Schon lange nach dem Angriff saßen wir immer noch da und warteten auf Erlaubnis nach Hause zu gehen. Der Rauch von draußen sickerte durch die Spalten und hin und wieder explodierte draußen noch eine Bombe. Bevor wir gingen, sagte uns der Luftschutzwart, dass viele Häuser getroffen waren und noch brannten, dass die Palast-Lichtspiele vollkommen zerstört waren und unsere Kastanienschule stark beschädigt, aber nicht ganz kaputt sei.

Die Schulkinder sollten sich am nächsten Tag um 10:00 Uhr auf dem Schulhof sammeln. Ich wurde von meiner Lehrerin erwartet und wusste sofort, es gab eine schlechte Nachricht.

Hannelore’s Vater war an der Ostfront und ihre Mutter hatte gerade ein Paket von ihm erhalten. Ein schöner Pelzmantel für sie und eine Puppe für Hannelore. An dem Abend vor dem schweren Angriff war Militär bei ihnen, um zu berichten, das Herr K. vermisst war. Frau K. brachte Hannelore zum Bunker und rannte dann schnell noch einmal zu ihrer Wohnung um den Pelzmantel zu holen. Man nahm an, das Haus war direkt getroffen; in den Trümmern fand man eine Leiche, welche den verschmorten Mantel eng an sich hielt. Hannelore hat den Verlust ihrer Eltern nie überwunden.

Sie musste in eine Anstalt gebracht werden, von wo sie später zu Verwandten in Pflege gegeben wurde. Man sagte, sie hat die Puppe von ihrem Vater nur zu notwendigen Zwecken aus den Händen gelassen. 1947 kam Herr K. aus der Kriegsgefangenschaft zurück, er hatte ein Auge und einen Arm verloren, aber sonst den Krieg überstanden.

Nach dem Schaden an der Kastanienschule wurden nun viele von uns an noch andere, bestehende Schulen in der Gegend überwiesen. Mein Nachname war auf der Liste für die Giesensdorfer Schule. Wie ich es schon einmal beschrieben hatte, war dort mein erster Tag durch Connie nicht einfach, aber ich gewöhnte mich daran, auch wenn der Weg viel weiter war.

Die Tatsache, dass meine Mutti Rektor Krieg und Fräulein Kracht schon von ihrer Schulzeit her kannte (sie kam damals täglich von Osdorf zur Giesensdorfer Schule), gab mir den Ehrgeiz mich anständig zu benehmen und auch gute Zensuren zu erarbeiten.

Auf dem Weg zur Schule traf ich mich mit Irene am Hochbergplatz oder vor dem Bismarck Eck und wir gingen den Rest des Weges zusammen weiter, prüften uns gegenseitig mit den Hausaufgaben. Langweilig war nur die Strecke bei den Schrebergärten, aber dann kamen wir bald an Günther Wienecke’s Wohnung vorbei. Er rief uns vom Balkon im 3. Stock zu und wir gingen dann zu dritt weiter zur Schule, wo Ursula schon auf uns wartete. Auch wenn wir öfter unterwegs blöde Streiche machten und trödelten, haben wir es meist zur Zeit geschafft, denn zu spät kommen wurde bestraft.

Die Zeiten änderten sich auffallend, mein Bruder Wolfgang, nun ein Schüler im Gymnasium, musste schon zweimal mit der Hitlerjugend je auf 14 Tage in ein KLV (Kinderlandverschickung) fahren. Mutti hatte ihre eigenen Gedanken darüber, denn sie wollte, dass er zum Konfirmandenunterricht geht und auch sein Abitur macht. Mit der Einsegnung hat es Mutti geschafft und die Jungen blieben danach als kirchliche Jugendgruppe zusammen.

Ich durfte mit ihm zu den Jugendtreffen in der Kirche gehen. Da rollten wir stundenlang Binden für die Lazarette an der Front, auch wurden Pakete für die Soldaten gepackt. Dann erschien eines Abends ein Mann in Uniform, welcher Formulare verteilte mit Anweisungen für die Mütter die Papiere auszufüllen und wieder einzureichen. Kurz danach gab es keine Jugendgruppe mehr, die Jungen bekamen neue Anleitungen, mussten zu anderen Treffen und kamen dann eines Tages in Jungvolk Uniformen nach Hause. Die Schule war danach nicht mehr wichtig und Wolfgang war oft für Wochen von zu Hause weg.

Meine erste KLV Verschickung wurde durch unsere Schule in 1940 organisiert, angeblich war es zum Schutz wegen der Bombenangriffe. Wir fuhren nach Pommern, es war ganz nett, aber ich sehnte mich nach meiner Mutter, wir waren ja noch so jung. Die zweite Verschickung kam in 1941, wieder hat man durch die Giesensdorfer Schule geworben und es hörte sich sehr verlockend an. Mutti meinte Müritz wäre ein schöner Ort und es würde uns Freude machen. Viele Kinder von der Schule meldeten sich an und bald war es so weit.

Wir sahen die schöne Landschaft von den Bussen, aber wir fuhren vorbei; wir landeten in einem Lager. Morgens mussten wir uns nackt ausziehen, gewaschen wurde in einem großen Raum mit vielen Wasserhähnen um ein rundes Wasserbecken, das Wasser war kalt. Wir bekamen Metallgeschirr mit passendem Besteck und wenn man es verlor, hatte man Pech gehabt.

Die Toilette war ein Schmetterbalken, einmal am Tag wurde weißer Puder raufgestreut; dass schlimmste war, dass zwei Frauen in Uniformen daneben standen und uns zuguckten, wer meckerte musste eine Stunde auf dem Balken sitzen. Wir lernten schnell artig zu sein, aber das war wohl der Sinn der Sache.

Zurück in Berlin erfuhren wir, dass wir nun wegen der schlimmen Angriffe evakuiert werden würden. Bei Kleinkindern konnten die Mütter mit, aber mussten dann bei den Bauern arbeiten. Da die meisten Männer im Krieg waren, arbeiteten die Frauen sowieso schon und konnten nicht weg. Die Schulen wurden geschlossen und so waren wir gezwungen zu gehen. Gott sei Dank kamen viele der Lehrer mit.

Es war eine grausame Zeit und wurde für lange nicht besser. Hunderte von Müttern standen am Anhalter Bahnhof auf dem Bahnsteig und weinten. Niemand wusste, ob wir uns jemals wiedersehen würden. Unser Zug ging nach Ostpreußen, auf meinem Umhängeschild stand der Name Rössel. Ich musste den Waggon mit dem Namen Rössel finden und konnte vor weinen kaum etwas sehen. Mein kleiner Koffer wurde immer schwerer. Ein freundlicher Bahnwärter half mir und ich suchte mir einen Platz am Fenster, damit ich Mutti zuwinken konnte. Dann spielte noch eine blöde Kapelle “Muss ich denn, muss ich denn zum Städtele hinaus”, dann musste ich wieder weinen. Eine Rote Kreuz Schwester sagte, ich sollte versuchen nicht zu weinen, dass machte die Frauen in Uniform ärgerlich, dann dachte ich, wie meiner armen Mutti ums Herz sein musste. Ich zog das Fenster runter und fand sie tatsächlich in dem Meer von schrulligen Hüten und winkte ihr zu.

Bald waren wir alle verladen und der Mann mit dem roten Hut blies auf seiner Pfeife. Der Zug setzte sich in Bewegung und es ging los. Oh, wie gern wär ich hier geblieben, ich winke mutig weiter, obwohl ich Mutti nun nicht mehr sehen konnte.

Nach unendlichen Stunden erreichten wir dann unser Ziel, wo viele Frauen mit Handwagen auf uns warteten, kaum eine lächelte uns entgegen. Es gab auch kein Ordnungsverfahren, sie kamen zu uns, wo wir standen und suchten sich aus was sie wollten. Meine Pflegemutter suchte vier Kinder aus und mit den Koffern im Handwagen folgten wir ihr im Gänsemarsch durch die Stadt. Am Straßenrand standen die Jungen und Mädchen und grölten: “Berliner, habt ihr Hühner, habt habt ihr Oxen, könnt ihr boxen”!

Die ersten Tage in der Schule waren sehr schwer, aber nach einer Woche sah man dann auch bei den Rössel Kindern mehrere blaue Augen.

Ich will nicht über meine Zeit in Rössel schreiben, dass dauert zu lange, aber ich musste dreimal umziehen, bevor mich nach neun Monaten endlich eine liebe Familie fand. Man wollte uns nicht haben, wir mussten arbeiten helfen, manche unser Kinder wurden geschlagen und wie Freiwild behandelt. Viele hatten Hunger, obwohl wir mit Lebensmittelkarten kamen. Aber vielen von den Evakuierten ging es auch sehr gut. Nach meiner letzten Pflegefamilie wollte ich am liebsten gar nicht mehr weg.

Nach fast einem Jahr konnten wir die Front hören und bald sah man unendliche Gruppen von Menschen auf den Straßen und Feldern laufen. Unser Lehrer erklärte uns, es waren Menschen von Königsberg, Memel und anderen Orten, welche versuchten zu flüchten. Wir wussten nicht warum sie flüchteten, aber es war klar, dass sie nur sehr wenig von ihrem Hab und Gut mitgebracht hatten. Die meisten Pferde waren alt und müde, da die Wehrmacht die gesunden und jungen schon einkassiert hatte. Alte und ganz junge dieser Flüchtlinge saßen auf den Handwagen und Pferdewagen, der Rest musste zu Fuß gehen. Sie wollten alle in den Westen.

Nach einer Woche mussten die Berliner Kinder packen und mit einem der letzten Züge nach Sachsen abfahren. Auf der Straße neben den Gleisen sahen wir tote Pferde, tote Soldaten, umgekippte Wagen, wo noch tote Menschen drin saßen. Es war grausam und wir konnten nicht helfen, weil die Russischen Tiefflieger jeden Moment wiederkommen konnten.

Auf der Erde lagen Flugblätter auf denen geschrieben stand: “DENKT AN STALINGRAD”!

Wie konnten Kinder so etwas verstehen?

Wir kamen sehr mitgenommen in Sachsen an und hatten nur einen Wunsch, wir wollten nach Berlin zurück; aber wir fanden es dort ruhig, die Menschen waren nett und es gab viel und gut zu essen. Nach ein paar Monaten wurde ich nachts wach und sah den Himmel ganz rot in der Ferne. Ich sah es öfter und fragte dann einen Jungen in der Schule und der sagte mir, dass wäre Berlin nach einem Angriff. Nachdem ich es wusste, konnte ich kaum essen oder schlafen. Der Opa in der Familie sah, was mit mir los war und versprach mir zu helfen, aber ich durfte niemandem etwas sagen.

Eines Abends sagte er, ich sollte meinen Koffer packen und ihn von innen neben meine Tür stellen, sollte Morgens früh aufstehen, meinen Rucksack packen und heimlich aus dem Haus gehen. Er würde meinen Koffer am Bahnhof in den Büschen verstecken und meine Fahrkarte darunter legen und keinem Menschen sagen, dass ich alleine unterwegs sei (ich war jetzt 9 Jahre alt). Auch sagte er mir, wenn der Zug am Steinbruch vorbeifuhr, sollte ich auf den höchsten Hügel gucken, er wolle mir zuwinken. Ich bedankte mich bei ihm und blieb die ganze Nacht wach. Als er den Koffer aus dem Zimmer holte trat er leise an mein Bett und gab mir einen Kuss auf die Stirn und flüsterte ” Gott sei mit dir Kind”.

Ich tat als ob ich schlief und nachdem er ging, stand ich gleich auf und zog mich an. Der Weg zum Bahnhof war weit und ich wollte den Zug nicht verpassen. Dort angekommen, fand ich meinen Koffer, meine Fahrkarte, genug zu Essen und die Stationen wo ich umsteigen musste. Ich wunderte mich, wie er mir wohl zuwinken wollte, bei der weiten Entfernung wäre das schwer zu erkennen.

Ich war allein im Abteil und zog das Fenster runter. Bald kamen wir in die Nähe vom Steinbruch und da stand er auf dem Hügel. Er hatte ein kleines Feuer gemacht und mit Hilfe von einem Tuch schickte er Rauchsignale in die Luft (er liebte Winnetou). Ich winkte wie verrückt und hoffte er hat es gesehen – dann setzte ich mich hin und heulte.

Die Fahrt von Kobershain nach Berlin hätte höchstens acht Stunden dauern dürfen, aber ich brauchte zwei Tage und eine Nacht dazu. Die letzte Strecke durfte ich mit einem Truppenzug mitfahren, der durch Lichterfelde Ost fuhr. Ein Offizier sagte mir, der Zug durfte dort nicht halten, aber er hatte schon dem Zugführer gesagt in der Nähe vom Bahnhof ganz langsam zu fahren und da haben mir dann die Soldaten beim Abspringen geholfen und warfen mir meinen Koffer und meinen Rucksack nach.

So kam ich wieder nach Berlin zurück, wo alles so zerbombt war, ich konnte es kaum erkennen. Erst gab es natürlich Dresche, weil Mutti solche Angst hatte, das man mich einsperren würde, aber dann war sie froh mich wieder zu haben und mit Hilfe von unserem Doktor, der mir ein Attest ausschrieb, ging dann alles in Ordnung.

Da wir alle evakuiert sein sollten, gab es den Aushilfeunterricht in der Giesensdorfer Schule nur für die Flüchtlingskinder.

Die von uns, die aus verschiedenen Gründen schon zu Hause waren, mussten Leuchtplaketten verkaufen und auch mit den Wohlfahrtsbüchsen sammeln gehen. Ungefähr im Herbst 1943 wurden alle Schulen geschlossen, weil es zu gefährlich war unterwegs zu sein. Man stellte uns einen Arbeitsplan für die Schularbeiten zu, damit wir auf dem Laufenden blieben. Am 14. Oktober 1945 mussten wir uns dann nach zweijähriger Pause wieder zum regulären Schulunterricht melden. Die meisten Schulen waren in sehr schlechter Verfassung. Ohne Handwerker und Baumaterial dauerte es meist Jahre bis die notwendigen Reparaturen beendet werden konnten.

1944

Luftangriffe ohne Ende (Tag und Nacht), Stromsperren, Feuer und kein Wasser; wir hatten Lebensmittelkarten, aber die Läden waren leer. Ausgebombte Häuser hatten manchmal Kartoffeln, Gemüse und Obst in den verlassenen Gärten, da haben wir geerntet.

1945

Ferienspiele 1945 – Goethe Lyzeum – Im Hintergrund noch Bombentrümmer

Stalinorgeln, Hunger, kein Licht, kein Wasser, keine Hoffnung. Mutti hatte schon für uns beide ein sicheres Versteck gefunden und es für einen längeren Aufenthalt vorbereitet; eines Tages hörten wir jemanden brüllen: “Die Mongolen kommen”!

Mutti packte mich und wir rasten zum Versteck, wo wir für über eine Woche sehr eng und ungemütlich – aber sicher – hausten.  Draußen hörte man das schmerzhafte Schreien der Frauen und Mädchen. Als ich Mutti fragte, warum die so schrien, winkte sie weinend ab und ich wusste, es muss etwas furchtbares sein. Im Mai zogen dann endlich die Amerikaner in ihren Sektor ein und fast über Nacht wurde alles besser und man brauchte keine Angst mehr zu haben. Mutti und ich haben für die Ami’s Wäsche gewaschen und gebügelt und bekamen dafür Brot, Erdnussbutter, Kartoffelschalen und die benutzten Kaffeefilter, welche Mutti noch zweimal mit kochendem Wasser durchgoss. Kaugummi und Schokolade fiel auch manchmal ab und das war Gold auf dem Schwarzen Markt.

Endlich konnten wir nun zu Oma und Opa, es ging ihnen gut. Dann fuhr auch wieder die 96 und wir konnten uns gegenseitig besuchen.

1946

Nach Schulbeginn in 1945 waren wir dann wieder vereint in der Giesensdorfer Schule, dankbar, dass wir noch alle am Leben waren und ich bildete mir ein, dass sogar Connie sich freute mich wiederzusehen. 1946 blieben wir dann auch noch zusammen und dann im Herbst teilte man die Klasse anderen Schulkreisen zu. Erst wurden wir dem Tietzenweg zugeteilt, kurz danach, nur die Mädchen zum Goethe Lyzeum in der Drakestraße in Lichterfelde West (damals eine Mädchenschule).

1947

Aber der Abschied fiel uns nicht schwer, denn wir fingen in diesem Jahr unsere gemeinsamen Konfirmantenunterricht im Giesensdorfer Gemeindehaus an, welcher uns bis zur Einsegnung zum Osterfest 1949 lebenslange und unvergessliche Erinnerungen an Lichterfelde Süd brachte und ich oft nachgedacht habe, wie die drei Pfarrer: Baltzer, Kranitz und Gern, besonders in meinem Fall, soviel Geduld aufbringen konnten und ich werde ihnen ewig dankbar für ihre Aufopferung sein.

1948

Am 24. Juni 1948 begann die Blockade Berlins durch die Veranlassung der Sowjets. Wir hatten bis dahin keine Ahnung wie Hunger wehtun konnte!! Manch einer hat für eine Stulle Brot einen Mitmenschen erschlagen. Menschen wurden schwach, hatten ansteckende Krankheiten, waren hungrig und halb erfroren, starben auf der Straße und blieben liegen. Das Hamstern wurde nun sehr schwierig. Wir saßen in der S-Bahn nicht mehr zusammen, in der Hoffnung, dass vielleicht einer mit seinen Kartoffeln durchkam. Was haben wir alles gegessen, nur um etwas in den Leib zu bekommen – aber mit Kartoffeln, Wasser und etwas Maggi- Gewürz konnte man immer noch “Fusselplum” kochen. Dann kam langsam Schulspeisung, CARE Pakete aus den USA und eine regelmäßige Luftbrücke mit der notwendigsten Versorgung.

 

Am 19. Mai 1949 endete die Blockade auf West-Berlin.

Bei den fast 280.000 Flügen gab es mehrere tödliche Unfälle, bei den 39 Briten, 31 US-Amerikaner und 13 Deutsche ihr Leben verloren.

Somit wurden unsere Feinde zu Freunden und ohne sie, wären wir alle verhungert. Wir sollten das nie vergessen!

Ingrid Radke-Azvedo

Elk Groove, Kalifornien im Juni 2013

Klassenbild 1950, viele der Mädel waren Mitschüler von der Giesensdorfer Schule.
Ursula, Irene, Marianne Baltzer, Sigrid Tetzlaff, Ursula Rohman usw.
Bootsausflug 1937

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