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Orte auf dem Berg

Bäckerei Hartmann am Ostpreußendamm

Bäcker Hartmann fuhr in den siebziger Jahren nachmittags immer in seinem weißen, zum Verkaufsmobil umgebauten VW Bus durch die Straßen von Lichterfelde Süd. Er hielt alle paar hundert Meter, um dann mit seiner Bimmel auf sich aufmerksam zu machen. Es gab Kuchen, Brot und Süßigkeiten zu kaufen. Kinder aus der Nachbarschaft, vom Klingen der Bimmel angelockt, begleiteten ihn bei seiner Tour. Oft stellten sie sich auf die hintere Stoßstange und fuhren so die kurzen Strecken mit. Sie liefen von Haustür zu Haustür der bekannten Kunden, klingelten und fragten: „Brauchen sie etwas von Bäcker Hartmann“? Als Dankeschön gab es zum Ende der Fahrt eine Schnecke, ein Stück alten Kuchen oder eine von den leckeren Rumkugeln, an die man sich noch heute erinnert.

Morgens fuhr Bäcker Hartmann mit verschiedenen Jungs noch vor der Schule umher und lieferte frische Brötchen. Wer Kunde war, hatte zwei Stoffbeutel mit dem eigenen Namen und der Anzahl der bestellten Brötchen versehen. Der leere Beutel hing an der Wohnungstür und wurde durch den vollen, mit den frischen Brötchen aus der Backstube ausgetauscht.


Meine Mutter hatte einen Garten in der Kolonie Erbkaveln. Wir fuhren mit der „78“ von Wilmersdorf aus dorthin, später mit dem Bus. Dabei kamen wir dann auch bei Bäcker Hartmann vorbei. Wir kauften stets eine Riesentüte Schrippen, denn so gut schmeckten die nirgendwo anders! Das waren keine tiefgefrorenen, aus China importierten und im Automatikbackofen eines x-beliebigen Supermarktes oder einer Bäckereikette aufgewärmten Teiglinge, das waren SCHRIPPEN!
Auch der Kuchen schmeckte wie Kuchen, nicht wie Backmischung 08/15.
Den Garten habe ich immer noch, und oft, wenn ich an dem ehemaligen Bäckerladen vorbeikomme, erinnere ich mich an diesen – leider für immer vergangenen – Genuss.

Brigitte Jusuf

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