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Zeitzeugenberichte

Der Berg: Mythos Galgenberg – und die Realität

Aus dem Steglitzer Kerngebiet kommend, zog ich in den 60-er Jahren in eine kleine Ofenheizungswohnung der Märkischen Scholle nach Lichterfelde Süd auf den Berg.

Auf den Berg?

Alle sprachen hier vom „Berg“!

Es war (und ist) ein Gebiet, das vom S-Bahn-Gelände, der Stadtgrenze (damals mit Streckmetallzaun etc.) und dem Teltowkanal „eingerahmt“ oder besser begrenzt und, umgangssprachlich, nur von „Süd“, also aus dem Bereich Wismarer / Lindenstraße zugänglich war. Jedes unbekannte Gesicht oder Auto war ein „Fremder“ – Jemand, der sich hierher „ans Ende der Welt“ verirrt haben musste…

Ja, es gab auch die „Bergbaude“, die seit 1980 „Birkengarten“ heißt, was mir zwar nicht so gut gefällt, aber mit den Birken im Biergarten natürlich auch zutreffend ist. (Die Namensänderung war von einer Brauerei vorgeschrieben.)

Ehemalige „Bergbaude“, jetzt Restaurant „Birkengarten“, Ostpreußendamm 106, 23.7.2008

Alsbald erschloss sich mir, weshalb die Gegend „der Berg“ genannt wird: Statt mit unserem ersten kleinen Auto fuhr ich einmal mit dem Fahrrad nach Hause und bemerkte etwa bei Kakteen Hahn (Ostpreußendamm 90), in einer Senke beginnend, eine merkliche Steigung des Ostpreußendamms, die ich vorher so nie wahrgenommen hatte. Nach der „Bergkuppe“ brauchte ich gen Stadtgrenze dann nicht mehr zu treten.

In der beschriebenen Senke hatten sich früher, vor der Asphaltierung der Straße, oftmals bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und entsprechender Luftfeuchtigkeit unerwartete Überfrierungen gebildet, so dass hier manchmal Autos schleuderten, was auch mir später einmal nicht erspart blieb. Bei starkem Glatteis schafften sogar Busse nicht die Steigung, rutschten die Bordsteinkante entlang und konnten oft erst nach Salzeinsatz der BSR weiterfahren.

Glaubt man den geographischen Angaben in Google earth©, geht es um eine Steigung von 3 Metern (!) auf einer Strecke von ca. 400 Metern, beginnend etwa Ostpreußendamm / Feldstraße (ca. 52° 24`57`.50″N 13°18`13.58″ O) bei einer Höhe von 41m bis zur Einmündung Dorstener Straße in den Ostpreußendamm mit 44 Metern Höhe (ca. 52°24`45.92″N 13°18´01.95″O).

In östlicher Richtung wird der Berg lt. Google earth© übrigens noch höher: In der Steinmetzstraße – zwischen Blücher und Fürstenstraße – erreicht er angeblich sogar eine Höhe von ca. 50 Metern (ca. 52°24´46.11″N 13°18`29.61″O)!

Wenn man die Steigung heute so nicht mehr direkt wahrzunehmen scheint, liegt das offenbar an unser Fortbewegungsart, die meist motorisiert ist. Nur wer seine Einkaufslasten aus „Süd“ kommend zu Fuß oder per Fahrrad nach Hause bringt, spürt den Anstieg – und den ganz besonders bei Gegenwind!

Wer dann aber von der Dorstener Straße nach „Süd“ zurück blickt, wird an der Straßenkrümmung von der „Kuppe“ aus die zurückgelegte Steigung gut entdecken.

Ostpreußendamm, Blick nach „Süd“, 6.6.2010
Ostpreußendamm in südlicher Richtung; gleichfalls bergab; Blick zu Stadtgrenze nach Teltow, 6.6.2010

Für mich ist die Bergkuppe übrigens alljährlich ein attraktiver Standort, die Rennradler des „Skoda VELOTHON“ den Berg heraufkommend eindrucksvoll zu fotografieren.

Skoda VELOTHON am 10.6.2012

Hier, zwischen Dorstener und Lippstädter Straße, gab es auch lt. Landesarchiv schon vor 1881 die Lichterfelder Bergstraße mit dem legendären Haus Bergstraße 1. Die Bergstraße wurde nie befestigt und es gab nur ein einziges bebautes Grundstück, auf dem in den Nachkriegsjahren noch Garagen errichtet worden waren. Dort wollte ich Anfang der 70-er Jahre eine für unser kleines Auto mieten; erhielt aber leider keine Zusage.

Nach dem Abriss der letzten Gebäude 19?? wurden im Verlauf der Straße zwei Wohnblocks errichtet:

Die Häuser Ostpreußendamm 106 a und b sowie Dorstener Straße 5 und 7 – und die Bergstraße verschwand. Die Einmündung der am 1.5.1980 aufgegebenen Straße war noch viele Jahre danach an den Bordsteinkanten des Ostpreußendamms zu erkennen, bis dieser eine neue Pflasterung erhielt.

(Quelle: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Straßen und Plätze)

Ostpreußendamm 106 a / Lippstädter Straße, wo sich ehem. die Bergstraße befand; 2.2.2013
Ostpreußendamm 106 b, wo sich ehem. die Bergstraße befand; 23.07.2008

In einem nicht mehr vorhandenen Eintrag des Internets stand als Namenserläuterung:

„Die Straße erhielt ihren Namen, weil sie ihren Ausgang am Galgenberg nahm, der im Zuge der Berliner Straße (heute Ostpreußendamm) lag…“

 

„Eine neue Straße, die Lippstädter Straße, nach dem nordrheinwestfälschen Lippstadt (Kreis Soest) benannt, wurde am 1.5.1980 eingeweiht, die Bergstraße entgültig entwidmet.“

(Quelle: Edition Luisenstadt, kaupert media gmbh©)

Das die neue Straße hier anfänglich für ca. 6 Monate Reaumurstraße (wie auch die bereits jenseits der Bahn existierende Straße) hieß, bleibt unerwähnt.

Die Irritation war damals groß, weil der hiesige Abschnitt unbebaut war und für Außenstehende sich oftmals die gesuchten Adressen jenseits der Bahn in der Thermometersiedlung befanden. Fußgänger konnten nach Einstellung der S-Bahn im Januar 1984 bis zur Wiederaufnahme des S- bzw. Fernbahnbetriebs am Ende der Müllerstraße noch einen ehemaligen Bahnübergang benutzen. Für Autofahrer und Einsatzfahrzeuge ergab sich ein nicht unerheblicher Umweg über die Osdorfer Straße.

Bahnübergang Müller- / Fürstenstraße; 1989
Im Vordergrund Andreaskreuz, Blinkanlage und Technikraum; im Hintergrund der mit Neubauten verbaute weitere Straßenverlauf

Für Fußgänger wurde mit Wiederaufnahme des Bahnbetriebs ein sehr aufwendig wirkender Tunnel mit Rampenzugängen geschaffen, der aber schon bald nach Eröffnung wegen Reparaturarbeiten längere Zeit gesperrt wurde.

Der neue Fußgängertunnel, Müller- / Fürstenstraße zur Celsiusstraße in der Thermometersiedlung 30.05.2007
Derselbe Fußgängertunnel für Reparaturarbeiten schon gesperrt; 1.6.2007
Nach fast einjähriger Sperrung zur Schadenbehebung der Fußgängertunnel in Richtung Müller- / Fürstenstraße; 16.5.2008

Die auffällige Breite der Lippstädter Straße mit ihrer sanften Linkskurve am Ende, direkt auf die Seniorenanlage der Kauser Wilhelm- und Augusta-Stiftung zulaufend, um dann mit abrupten Rechtsknick in den Ahlener Weg überzugehen, machte neugierig:

Ein Blick auf damalige Stadtpläne zeigt die sicher angedachte Weiterführung über die Bahn für eine durchgehende Reaumurstraße. Mietergärten der Stiftung dienten in dieser Planungsphase hier vorübergehend als „Platzhalter“. Inzwischen sind aber die Häuser Ahlener Weg 1 – 5 dort gebaut.

Lippstädter Straße, mit sanfter Linkskurve auf die Seniorenanlage führend, scharf rechts abknickend in den Ahlener Weg übergehend; 5.2.2013
Wechsel Lippstädter Straße – Ahlener Weg. Im Hintergrund rechts das Haus Ahlener Weg 1; 3.6.2007
Wechsel Lippstädter Straße – Ahlener Weg. Im Hintergrund links Lippstädter Straße mit dem OSZ Bürowirtschaft und Verwaltung und rechts das Haus Ahlener Weg 1 der Seniorenwohnanlage; 3.6.2007

Historisch gesehen erklärt sich diese Merkwürdigkeit: Hitlers Umbaupläne der Reichshauptstadt zur „Welthauptstadt Germania“ hatten stadtplanerisch hier wieder Gestalt angenommen! Der „Platz des 4. Juli“, auf der anderen Kanalseite gelegen, war von seinem Architekten A. Speer bereits 1937 als Teilstück einer breiten zukünftigen Ringstraße beim Bau der Telefunken-Werke (1937/38) geplant worden.

Kriegswichtige Produktion von Röhren für die Nachrichtentechnik im Unternehmenssitz und Stammwerk Goerzallee 129 – 238 sollte durch Erschütterungen von örtlichen Straßenbauarbeiten nicht gefährdet werden. Das Werk war in der Planung bereits zuvor wegen befürchteter Erschütterungen vom Bereich Sundgauer Straße hierher „verschoben“ worden. Bis zu seiner Umbenennung hieß der Platz – dieses Teilstück – „4.Ring“.

Ergänzende Anmerkung dazu aus der Edition Luisenstadt, kaupert media©:

„Das… Mini-Teilstück des Speerschen Ringsystems erhielt seinen Namen anlässlich des 200. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung der Vereinten Staaten von Amerika. … Der Platz wurde am 3.12.1976 in „Platz des 4.Juli“ umbenannt“.

 

In nördlicher Richtung sah die Reichsplanung u.a. die Unterquerung der Avus vor und man versteht, warum als realisiertes Teilstück dieses Ringes die Sundgauer Straße zwischen Mühlenstraße und Dahlemer Weg plötzlich sehr breit wird und sogar einen Mittelstreifen besitzt… In der südöstlichen Fortsetzung war dafür die Trasse der jetzigen Lippstädter Straße vorgesehen (z.B. in Flurkarten von 1938 und 1943 projektiert zu finden). Fortführung über Reaumur- und Scheelestraße, wo an deren Beginn auch die besondere Breite auffällt. (Geplante Verlängerung vermutlich Geraer Straße).

Die Wiederaufnahme der Idee des Baus des „Speerschen 4. Rings“ ist inzwischen durch die Bebauung der Trasse (s.o.) sicher endgültig gestoppt; übrig geblieben sind die Phänomene einer merkwürdigen Straßenführung sowie scheinbar unerklärlich breiter Straßen bzw. Straßenteile.

Ich lernte, nicht nur „auf dem Berg“ sondern sogar auf dem Galgenberg zu wohnen.

Der („Berg“-) „Kicker“ vom 2.7.1979 berichtete unter der Überschrift „Lieber am Galgenberg als am Bökelberg“ über einen bedeutenden Spielerwechsel von den „Wormbacher Füchsen“ zum „FC Wiese Berlin“ (Quelle) und die „Lichterfelder Sportlerwelt“ vom 7.6.1990 schrieb über „Das Wunder von Lichterfelde“, wie dieser Traditionsverein aus Lichterfelde in seinem Stadion 9:1 gegen BFC Preußen ein Fußballspiel gewann! (Gleichfalls lt. Internet: „FC Wiese Berlin, Berlin-Lichterfelde, gegründet im Nov. 1979 schriftlich festgehalten am 11.2.1980, Anzahl der Mitglieder [Stand Feb. 2007]: 50.“)

Aber zurück zum Galgen:

Die jetzige Wirtin des Birkengarten, Frau Peterin, hatte von einem Gast interessanterweise schon ein Modell des Galgens gezeigt bekommen.

Es sollen da bis zu 3 Galgen aufgebaut gewesen sein… Auch melden sich immer wieder „Bergbewohner“, die genau zu wissen glauben, wo der Galgen stand, es aber leider nicht belegen können. Und die Standorte sind auch recht unterschiedlich…!

So haben wir auch erfahren, dass Bergstraße 1 der Galgen auf dem Hof des Bauern Herzog neben einem Baum gestanden haben soll…

Im Ernst: Hatte es hier tatsächlich jemals einen Galgen gegeben? Um es vorweg zu nehmen: Diese spannendste Version für den Mythos

„Galgenberg“ scheint im Grunde leider (?) ausgeschlossen.

Aus Teltow erfuhren wir, dass sich hier nie eine offizielle Richtstätte befand, was aber nicht ausschließt, dass vielleicht einmal ein Verbrecher am Ort seiner Untat auf dem Berg hingerichtet wurde. Eventuell ließe sich das anhand alter Gerichtsakten beweisen.

Auch in den Kirchenbüchern von Giesensdorf müsste ggf. noch recherchiert werden, um ganz sicher zu gehen. Auf alle Fälle wäre das alles sehr sehr lange her, denn seit 1851 waren öffentliche Hinrichtungen in Preußen verboten. Unser Gebiet gehörte zum Kreis Teltow und selbst die Teltower hatten keinen Galgen. Schwerverbrecher wurden von dort zur Aburteilung nach Köpenick gebracht, und auch die Strafen wurden dort vollstreckt.

Die Märkische Allgemeine Zeitung vom 31.1.2009 berichtete über die Arbeit der Martina Genesis (Historikerin/Archäologin M.A., Doktorandin an der HU Berlin, Schwerpunkt: Richtstättenarchäologie) und ihre Forschung über die Arbeit der Scharfrichter in Brandenburg an der Havel:

„Der Hinrichtungsmethoden gab es viele. Grob unterteilen kann man sie in „ehrliche“ (Enthauptungen) und „unehrliche“ (Hängen , Ertränken). Die „ehrlichen“ bewirkten ein christliches Begräbnis, bei den „unehrlichen“ waren die Körper der Delinquenten wochenlang Witterung und Vogelfraß ausgesetzt“.

Auf meine Anfrage erhielt ich am 13.9.2009 von ihr die nachstehende Mail:

„Hinrichtungsstätten und damit die letzte Ruhestätte unerwünschter Straftäter befanden sich als Symbol der Abschreckung und der Prävention meist außerhalb der Stadt an Ausfallstraßen oder markanten Wegkreuzungen. auf natürlichen …Hügeln. …Einige von ihnen wurden nachweisbar niemals genutzt, sie repräsentierten lediglich die Blutgerichtsbarkeit und waren damit Zeichen politischer Selbstständigkeit. Ein Hinweis darauf sind die heute noch bekannten Orts- und Flurnamen wie Galgenhügel, Galgenberg, ….usw. …“

( Es sind im Grunde dieselben Beschreibungen, wie sie bei WIKIPEDIA zum Thema „Galgenberg“ zu finden sind)

Außer Hinweisen auf fortführende Literatur gab es von ihr – wie schon von anderen vorher – keine Bestätigung, dass „unserer Berg“ einen Galgen besaß…

Generell wurden – s.o. – Richtstätten dort aufgestellt, wo viele Menschen lebten, denn diese grausame Art der Bestrafung sollte ja eine abschreckende Wirkung haben, und hier gab es bis ca. 1874 nicht einmal ein Haus!

Bleibt der historische Handelsweg Berlin – Leipzig über den Berg, der heutige Ostpreußendamm, dessen Verlauf auf alten Karten immer wieder zu finden ist. Und man weiß, dass mit Straßenräubern, derer man habhaft geworden war, tatsächlich oftmals im wahrsten Sinne „kurzer Prozess“ gemacht wurde, wozu z. B. ein geeigneter Baum vollkommen ausreichend war…

Weitere Erklärungsversuche:

Fahnenflüchtige der Schlacht bei Großbeeren am 23.8.1813, bei dem die preußischen Truppen unter General von Bülow die Napoleonischen Truppen schlugen, könnten hier gehängt worden sein. Aber auch dafür gibt es bisher keinen Beleg. Über standgerichtliche Hinrichtungen mit Galgen im 2. Weltkrieg oder unmittelbar danach ist ebenfalls nichts bekannt.

Es gibt noch eine ganz andere „Überlieferung“: Nach ihr sollen die Pferde, die früher die sicher teilweise schwer beladenen Wagen zogen, nach mehr oder weniger gut befestigter Wegstrecke auf der Bergkuppe sehr erschöpft angekommen sein. Ihr Geschirr, in dem sie dann „hingen“, habe wie ein „Galgen“ gewirkt…

Letztlich bleibt mangels fehlender verlässlicher Quellen als sichere Annahme nur, dass der Name „Galgenberg“ durch eine sog. Lautverschiebung entstand:

Aus dem Calenberg, dem „kahlen“ Berg, entstand der Galgenberg.

Ich hätte nicht gedacht, dass es in meinem neuen Wohnumfeld immer noch so viel zu entdecken gibt.

 

Quellen, sofern nicht spezifiziert angegeben: Internet, Landesarchiv und Anwohner- bzw. Zeitzeugengespräche

Fotos, sofern nicht gesondert ausgewiesen, B. Meyer

 

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